komplexe Situation unterm Regenbogen

Ich habe von 2004 bis ca. 2014 als Pädagoge mit Jugendlichen gearbeitet (Nachmittagsbetreuung im Kloster St. Stephan in Augsburg – spannender Ort und in der freien Jugendhilfe – Jugend-WGs, Familienhilfe, Eins-zu-Eins).
Ich mag diese Altersgruppe, so anstrengend ich sie manchmal auch finde (vielleicht ist es der „Job“ dieser Altersgruppe, anstrengend zu sein?).

Es war eine Veranstaltung der Friedensbewegung auf dem Königsplatz in Augsburg. Es waren ca. 15 Teilnehmende, man kannte sich, stand im Kreis, unterhielt sich, während zwei Transparente und eine große Regenbohnen-Fahne halbhoch gehalten wurden.
Ich stand am Rand und hörte zu. Gleichzeitig beobachte ich, wie unser Grüppchen auf die wenigen Passanten zu der winterabendlichen Zeit wohl wirkte. Mir fielen mehrere Grüppchen von deutschsprachigen Jugendlichen mit vermutlich arabischen Wurzeln auf, die irgendwie um uns herum zu schleichen schienen.
Die Veranstaltung neigte sich dem Ende zu als plötzlich ein etwa 15-jähriger Junge blitzschnell auf uns zuschoss, die Regenbogen-Fahne an sich riss und genauso schnell war er wieder weg. Drei oder vier andere Jugendlich decken seinen Fluchtweg geschickt ab und ich war wieder mittendrin in meinem vergangenen Sein als Familienhelfer und der pädagogischen Arbeit mit dieser Altersgruppe.
Die verständnislose Empörung in der Gruppe interessierte mich in dem Moment weniger als der Wunsch zu verstehen, warum dieser Raub gewagt wurde. Die anderen packten ihre Sachen und zogen kopfschüttelnd ab – ich blieb einfach da.
Und nach ca. zehn Minuten kamen alle Jugendlichen zusammen und feierten ihren jungen Helden und seine Tat. Vorsichtig näherte ich mich und es entspann sich in etwa folgender Dialog zwischen der Gruppe und mir:

„Entschuldigt bitte, ich bin Frührentner. Früher habe ich als Pädagoge mit Jugendlichen etwa in eurem Alter gearbeitet, im Internat und auf der Straße.
Ich will nicht schimpfen, ich will Euch verstehen, warum habt Ihr die Fahne geklaut?“

„Echt, Alter, Du willst uns nicht anzeigen oder sowas?“

„Nein, ich würde gern einfach mit Euch reden – wenn Ihr nicht wollt, gehe ich einfach weiter“

„Warum willst Du mit uns reden?“

„Weil ich Euch verstehen will. Warum habt Ihr die Fahne denn nun geklaut?“

„Weil sie scheiße ist“

„und warum ist sie scheiße?“

„hör mal Mann, Mann und Frau, das gehört zusammen und alles andere ist echte Scheiße“

Zuhause erst konnte ich die Regenbogenfahne googeln. Der Regenbogen stand ursprünglich für den Frieden zwischen allen Menschen und Völkern. Also eine Völkerfriedensfahne.
Als die LGBT-Bewegung aufkam, wurde noch ein pinkfarbiger Streifen hinzugefügt und fertig war eine irgendwie neue Bedeutung: Frieden zwischen wirklich allen Menschen.
Aber nach ihrer Begründung wurden die Knaben richtig gesprächig, wie wenn sie sich etwas von der Seele reden, weil sie nicht so viele echte erwachsene Zuhörer haben:

„ist echt scheiße, wenn Männer mit Männern und so, das will Gott nicht“

„das ist vollkommen unnatürlich“

„euer Staat ist vollkommen krank“

Wo sie denn herkämen, fragte ich, es waren Jugendliche aus Syrien.

„Bei uns daheim gibt es klare Regeln, das ist gut. Wenn man dagegen verstößt, tut es weh.“
„Genau, keiner stiehlt etwas, wenn einem dafür die Hand abgehackt wird“
„Euer Staat ist viel zu weich mit uns“

Ich dachte nach, betrachtete die Situation aus allen möglichen Blickwinkeln:

  • ich verstand, dass die Friedensbewegten empört waren. Ihnen war etwas für sie Friedenstiftentes entrissen und gestohlen worden.
    Sie taten doch in ihren Augen Gutes: für den Völkerfrieden eintreten.
  • ich verstand die Jugendlichen, die sich provoziert fühlten und die ihren Ärger mit einer Mutprobe verbunden hatten, sie schienen mir zu sagen: hey, wir sind mit Muttermilch aufgezogene Wildpferde, wenn uns keiner Grenzen setzt, drehen wir durch…
    Sie taten doch in ihren Augen Gutes: für Ordnung auf der Welt eintreten.
  • ich verstehe die LGBT-Menschen, die einfach friedlich leben möchten. Sie sehen sich vielleicht sogar als besonderes „Völkchen“, das in Frieden mit allen anderen leben möchte.
    Sie tun in ihren Augen auch Gutes: für den Frieden zwischen allen Menschen eintreten.
  • ich verstehe unseren Staat, der so lange als nur möglich partnerschaftlich-demokratisch handeln und ordnen will und eher auf Verständnis als auf harte Strafen als Abschreckung setzt
    Er tut in seinen Augen auch Gutes, indem er für Eigenverantwortung und Verständnis füreinander eintritt.
  • ich verstehe mich, ich liebte schon als Jugendlicher Koans, d.h. ich grübelte gern über Problemstellungen ohne einfache Lösung. Beispiel für ein Koan, das den Geist durch Betrachtung beruhigen soll, ist: „welchen Ton ergibt das Klatschen mit nur einer Hand?“ (heute würde ich intuitiv antworten: ein Schnipsen?)
    und ich tue in meinen Augen auch Gutes, indem ich bezüglich des „weichen Blicks“ auf komplexe (unlösbar bzgl. Ursache und Wirkung) Situationen und Herausforderungen forsche…