Als ich nach Russland aufbrach und erste Kontakte mit Anastasia-Dörfern knüpfte, war mir nicht bewusst, dass die Anastasia-Bewegung in Deutschland rechtslastig gesehen wird. Ich war einfach neugierig. Auch beim Lesen der Bücher von Wladimir Megre „überlas“ ich einige Kapitel und ignorierte schwer nachvollziehbare Aussagen.

Ich genoss die vielen guten Fragen, die gestellt wurden. Oft versteckte Megre seine Aussagen hinter Fragen wie „was denken Sie, geneigter Leser, über …“ und dann erlaubte ich mir, mir meine eigenen Gedanken zu machen. „Wer in der heutigen Zeit selber denkt, gilt schnell als rechts“, so fand ich einen Kommentar auf WELT.DE. Dem muss ich leider etwas bestürzt zustimmen. Das ist ein kultureller Unterschied zu Russland, wo sehr viele Meinungen nebeneinander existieren dürfen.

Ich schreibe hier von meinen eigenen und subjektiven Erlebnissen, die auf authentischen Kontakten und Begegnungen in Russland beruhen. So einfach ist es gerade in Russland mit DER Anastasia-Bewegung nämlich nicht. Besucht habe ich drei „Anastasia-Dörfer“, die ich über die offizielle russische Anastasia-Homepage gefunden habe.
Diese würden sich selbst aber nur teilweise als Anastasia Dörfer bezeichnen.
In allen drei Dörfern gab es Menschen, die die Bücher gelesen hatten, gut fanden und versuchten, danach zu leben. Gleichermaßen gab es Menschen, die die Bücher gelesen hatten, aber nichts Richtiges damit anzufangen wussten.
Sie suchten aber Gleichgesinnte fürs gemeinsame Leben auf dem Land und da ging es um die Praxis, nicht um die Theorie. Und immerhin fast die Hälfte der Menschen dort, hatte die Bücher gar nicht gelesen, sondern fand einfach die Menschen im Dorf und das gemeinsame Leben nett.

Subjektive Eindrücke aus dem Dorf „Reiner Himmel“ (21.12.18-15.1.19)
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zum Blogbeitrag (zweisprachig und bebildert!)

Ich durfte „zwischen den Jahren“ das Haus (insbesondere den Ofen), den Hund und die Katze der Familie allein hüten, wo ich vier Wochen zu Gast war.
Und dann: Stromausfall. Laut Zeitungsbericht soll halb Schweden ohne Strom gewesen sein – ich war es hier auch. Ein kleines Abenteuer, denn ohne Strom gab es auch kein Wasser, weil die Grundwasserpumpe nicht ging. Immerhin hatte ich Gas. Und gerade als ich nach einem knappen Tag ohne Strom Schnee schmelzen und abkochen wollte, ging das Licht wieder an.

Ich habe fast ständig russisches Fernsehen im Hintergrund, so wie viele Familien im Dorf hier auch. Ich mag einfach den Klang der russischen Sprache.
Im russischen Fernsehen sehe ich viel deutsche Werbung für Schokolade, Katzenfutter, Autos und „Gesundheit“ … Hier im Dorf machen einige Menschen das meiste selbst, kochen viel ein und stellen auch teilweise ihre Süßigkeiten selbst her.

Licht empfinde ich hier als Statussymbol. Die Menschen hier im Dorf gehen unterschiedlich damit um. Manche beleuchten Ihre Einfahrt den ganzen Abend wie mit Flutlicht. Andere verzichten ganz auf ein Außenlicht.

Kleidung sehe ich hier auf dem Dorf als eher zweitrangig und auf pragmatische Dingen ausgerichtet. Sebezh, die kleine Stadt in der Nähe (ca. 30 km), ist ein Einkaufsparadies für entscheidungsschwache Menschen wie mich … es gab genau eine Alltags-Hose. Für Angler und Jäger hing dagegen ein ganzes Regal voll!

Die Menschen hier scheinen es gern kuschelig zu mögen, so mein Eindruck.
In den Häusern laufen die Kinder meist nackt, die Erwachsenen in Shorts und die Männer ohne T-Shirts. Wird es zu heiß, werden manchmal einfach die Fenster geöffnet. In den meist kleinen Häusern wohnen unendlich viele Geschichten auf mitunter sehr wenig Raum …

Das Dorf scheint mir auf die Freiheit jeder einzelnen Familie ausgerichtet.
Jede Familie lebt so, wie sie es mag. Es gibt keine Regeln, die für alle gelten, es gibt auch keine verbindlichen „Befindlichkeits-Treffen“ oder Diskussionen, wie etwas zusammen gemacht werden soll (so etwas ist in deutschen Gemeinschaft eher üblich!) …
Hier definiert sich Gemeinschaft vielleicht nicht über Regeln, die dann überwacht und eingehalten werden müssen, sondern über zwischenmenschliche Nähe unter Nachbarn. Allerdings – wenn ich nicht auf Menschen zugehe, dann bleibe ich allein.

Ich empfinde es als ähnlich wie einem kleinen hessischen Dorf, in dem ich mal ein paar Jahre gelebt habe. Dort gab es einen samstäglich gemeinsam genutzten Dorfbackofen – hier gibt es einen gemeinschaftlichen Lagerfeuerplatz mit Hütte und Bühne.
Ansonsten gilt, was Deinen Nachbarn nicht stört, ist erlaubt.
Und die Menschen hier singen gern. Die Menschen hier haben noch Zeit.

Manche haben IT-Jobs und arbeiten von Zuhaus übers Internet, viele sind Handwerker oder Bauern oder Rentner. Die Frauen tragen Röcke oder Hosen, arbeiten oder tun dies nicht … und fast alle Familien haben mehrere Kinder.
Wenn jemand vorbeikommt, wird Tee getrunken und erzählt. Manchmal setzen sich die Männer dazu, manchmal überlassen sie das Reden  ihren Frauen.
Von außen sehen alle Holzhütten recht ähnlich aus, eher funktional als repräsentativ – von innen könnten sie unterschiedlicher nicht sein!
Auch die Kindererziehung ist nicht einheitlich, sondern in jeder Familie teils vollkommen unterschiedlich.

Als einzige verbindliche Einrichtung gibt es einen selbstverwalteten Kindergarten, der aber auch nicht von allen genutzt wird… Gemeinschaftliche Kommunikation fand über eine „skype“-Gruppe statt, wo in erster Linie die Fahrgemeinschaften zum Einkaufen in den etwa 30 km entfernten nächsten größeren Ort koordiniert wurden. Wer dorthin fuhr, bot die Fahrt an und nahm so viele Nachbarn mit, bis das Auto voll war. Auch wurde dort zum gemeinsamen Singen, Basteln, Bootsbauen, Eishockey-Spielen und zu Gesprächskreisen eingeladen… Ab und zu gab es vereinzelt persönliche Statements von denjenigen, die diese Kommunikationsform am häufigsten nutzen.

                    

Während meiner zweiten Russlandreise war ich in Sibieren (nördlich von Krasnojarsk) in zwei Dörfern wieder für insgesamt einen guten Monat zu Gast.

Das erste Dorf hieß Dobrosvet (gütiges Licht). Das war kein reines Anastasia-Dorf, sondern war ursprünglich eine Datschen-Siedlung für Menschen aus Krasnojarsk. Dann siedelten sich dort in den letzten Jahren ungefähr fünfzehn Siedler an, die einfach ganzjährig auf ihrer Datsche blieben. Das ist auch in Russland rechtlich nicht ganz einwandfrei, ist aber bei der Größe des Landes schwierig zu kontrollieren und wird eher großzügig gehandhabt. Die genaue rechtliche Lage zu erkunden, scheiterte an meinen Sprachkenntnissen, aber meine Gastgeber hatten Dinge mit den Behörden zu regeln.

Inzwischen ist die Grenze (gerade im Sommer und besonders am Wochenende) zwischen Anastasia-Dorfmenschen und Datschenbewohnern fließend und es geht mehr und mehr um ein Miteinander als Nachbarn, die sich gegenseitig unterstützen, z.B. mit Mitfahrgelegenheiten nach Krasnojarsk oder Saatgut, Ideen, Werkzeug, etc.

In Dobrosvet gab es außer einer Zufahrtsstraße (nach europäischem Standard in fürchterlichem Zustand, für einen Kilometer Dorfstraße brauchten die Menschen mit dem Auto ca. 5 Minuten) keinerlei öffentliche Infrastruktur, d.h. keine Wasser-, Strom- oder Gasversorgung. Das macht ziemlich erfinderisch (Solarstrom, Windräder und auch Generatoren für Strom, geheizt wurde auf die unterschiedlichsten Arten mit Holz) – ich hatte Mobilnetz nur in 12 Meter Höhe auf „meinem“ Sende-Baum + selbst gebaute Leiter:-)

Die Menschen in Dobrosvet waren (ähnlich wie im „Reinen Himmel“, s.o.) unterschiedlich in ihrer Lebensauffassung. Manche arbeiteten in Krasnojarsk und pendelten täglich, einige arbeiteten in der kleinen Dorf-Bäckerei, die eine Frau aus Krasnojarsk führte und einige waren fast vollkommene Selbstversorger auf mit einfachstem Lebensstandard. Aber alle hatten einen kleinen eigenen Garten, der von jeder Familie selbst bestellt wurde.

                    

Nur ca. 12 Kilometer entfernt lag das zweite befreundete Dorf „Johannisbeerchen“. Dieses Dorf wurde von einer Familie (zwei junge Informatiker mit Kind und deren beiden Eltern) geplant und neu aufgebaut. Dort sprach ich das erste Mal seit langem etwas Englisch – auf Wunsch der Mutter, die ihr Englisch mit mir trainieren wollte.
Es gibt in Russland eine Regel bzgl. Stromanschluss: wenn ein Neuanschluss weniger als 500 Meter vom bereits bestehenden Stromnetz entfernt gewünscht wird, dann kostet das einen überschaubaren Pauschalbetrag. Ist die Entfernung größer als 500 Meter, gehen die Anschlussarbeiten komplett zu Lasten dessen, der den Neuanschluss wünscht. Ausnahme: wenn ein ganzes Dorf gemeinsam angeschlossen wird – dann gilt wieder der 500 Meter – Pauschalbeitrag. Was ein „Dorf“ ist, das ist Verhandlungssache. So lebten die Gründerfamilien ähnlich autark wie in Dobrosvet, hatten aber viel Land gekauft, das sie parzellierten und an einzelne Familien weiterverkauften. So entstand nach und nach ein Dorf – und nach einigen Jahren wurde eine öffentliche Stromleitung zum Pauschalbetrag gebaut.

Dieses Dorf hatte einen „Plan“, die Initiatoren sahen aber Anastasia und ihren Autor Megre teilweise kritisch und ließen sich von ihren Anregungen kreativ inspirieren… Dort gab es einen exakt auf die Bedürfnisse der Kleintierhalter in der nahe gelegenen Großstadt Krasnojarsk ausgerichten Heuanbau als Haupterwerbsquelle. Am Rande der Großstadt hielten viele Bewohner Schafe, Ziegen und andere Kleintiere – konnten aber selbst kein Heu anbauen. Dies war eine gute Erwerbsquelle, für die eine große Scheune gebaut worden war, um das ganze Jahr Heu liefern zu können.

Desweiteren finden dort Seminare statt, z.B. zum natürlichen Hausbau. Ich erlebte so ein Hausbau-Seminar: viele Siedler aus der Umgebung kamen zusammen und bauten im nächsten Dorf gemeinsam nach Anleitung eines kundigen Menschen aus Südrussland (=sehr weit weg) ein kleines kluges Haus mit Heuballendämmung. Und die Heuballen wurden natürlich von den klugen Initiatoren geliefert…
Dieses Dorf hatte in meinen Augen eine klar dominante Anführer-Familie, das hatte ich in den zwei anderen Dörfern vorher so nicht erlebt. Diese Anführer-Familie waren helle Köpfchen und ihre Rolle gegenüber der Nachbarschaft erlebte ich als authentisch und herzlich. Die beiden Initiatoren lebten einen guten Ausgleich zwischen eigenem Familienleben mit ihrem Kind im eigenen Haus, ihren jeweiligen Eltern und ihren Nachbarn. Auf ihrem großen Grundstück standen neben der schon erwähnten Scheune noch ein Gästehaus für die Seminare (dort war ich untergebracht), die Scheune für das Heu, eine für russische Verhältnisse unglaublich ordentliche Werkstatt und zwei Häuser für die beiden Eltern.

Dieses Bild oben zeigt einen chinesischen Traktor, der durch sehr gestenreiche deutsch-russische Zusammenarbeit einen zusätzlichen Kühler eingebaut bekam. Dieser Einbau geschah singend und wir beide haben dabei viel gelacht. Hier trafen sich zwei sehr einfallsreiche Menschen und am Ende dieser internationalen Zusammenarbeit fuhr der Traktor wieder!

An meinem letzten Wochenende fand dort ein kleines Festival statt, das mir aber ehrlich gesagt nicht so gut gefallen hatte. Es war in meinen Augen mehr eine Werbeveranstaltung befreundeter Kleinunternehmer für wild-campende Familien, die alle selbst ihr Essen kochten und aßen. Erst abends gab es ein gemeinsames Lagerfeuer, an dem aber kaum gesungen wurde.
Für dieses Festival bauten wir gemeinsam zwei echt russische mobile Komposttoiletten, die gemeinsam mit der Ankunft der ersten Festival-Gäste fertig wurden. Die Scheune wurde zum Kino umgebaut – auf dem Bild unten rechts entsteht aus einem alten Schränkchen gerade die am Dachgebälk befestigte Vorrichtung für den Beamer…

     

In Deutschland habe ich eine Anastasia-Familien-Landsitz-Siedlung (in Entstehung) am Rande des Harz besucht: Weda-Elysia in Wienrode. Ich wollte mir ein eigenes Bild machen und traf auf nette Menschen – etwas konservativer als der aktuelle „Mainstream“ z.B. bzgl. Familie und Migration, eingestellt.
Sie mit dem N***-Bann zu belegen, und z.B. ihren Weihnachtsmarkt durch linke „Infostände“ zu sabotieren – das wird der Sache in meinen Augen nicht gerecht.

Ich verbrachte dort einen gemeinsamen Projekt-Arbeitstag, erlebte selbstbewusste Frauen mit langen (geflochtenen) Haaren und in Röcken (ähnlich wie in Russland), die mit ihren nicht weniger selbstbewussten Männern eine klare Arbeitsteilung lebten: Frauen sind für das Innere des Hauses zuständig (Gestaltung, Gemütlichkeit, Kinder, Küche), Männer für das Äußere (hier vor allem der Bau). Entscheidungen an der Grenze zwischen Innen und Außen wurden auf Augenhöhe ausgehandelt und einvernehmlich getroffen.
Die Kommunikation mit den vielen ein- und ausgehenden Nachbarn aus Dorf und Umgebung wurde von beiden Geschlechtern gleich geführt.

Maik neigte als „Oberhaupt der Sekte“ – so wurde er nach der kontraste-Reportage Biobraun und barfuß – Rechte Siedler in Brandenburg etwas spöttelnd von der Gruppe genannt – etwas zum Dozieren, konnte aber durch leichtes Auflegen der Hand seiner Frau Aruna jeweils gestoppt werden und sich wieder in eine offene und anregende Diskussion beim Essen einfügen…

Der größten Unterschied zu Russland habe ich im Grad der Entspanntheit im Umgang mit Anastasia als Quelle erlebt. Die Siedler in Wienrode glauben fest an die Worte von Anastasia in den Büchern von Wladimir Megre. Da gab es nichts zu diskutieren, das war alles „Fakt“. Kreative Interpretationen meinerseits waren nicht erwünscht, ich solle die Bücher nochmal und genauer lesen, dann würde ich schon verstehen…

Ein Gedanke zum Schluss: die aktuelle Rückbesinnung auf gemeinschaftliche Werte (dazu zähle ich auch Nationen) birgt gleichermaßen Chancen und Risiken.
Am wichtigsten finde ich – jenseits von Denkverboten – miteinander in Kontakt und Austausch zu bleiben. Kommunikation ist für mich da wesentlich und wichtig – und Menschen müssen nicht immer einer Meinung sein.
»Viel interessanter als ein Haufen Gleichgesinnter ist doch eine Gemeinschaft der UngleichgesinntenNACH JOSEPH BEUYS