mal wieder unterwegs – Fehlertoleranz

Kürzlich (Anfang Dezember 2025) traf ich im Zug eine Gruppe junger Leute, die sprachen alle Mitreisenden an: „Wohin fahren Sie?“ Ich antwortete: „Ins Chiemgau.“ „Was machen Sie da?“ usw. Alle aus der Gruppe waren in den ersten Monaten ihrer Ausbildung. Trotzdem kamen sie mir ähnlich orientierungslos vor, wie ich selbst es vor 40 Jahren war.
Jetzt im Alter von fast 60 Jahren kommen mir meine Gleichaltrigen viel zu überzeugt von „irgendetwas“ vor… wie hängen Orientierung, Überzeugung und Fehlertoleranz miteinander zusammen?
Ich frage mich: Sind Überzeugungen quasi Bausteine der eigenen Persönlichkeit? Und was baut mensch daraus? Je nach Festigkeit: eine einfache Schutzhütte gegen Regen und Sturm? Oder eine solide Immobilie? Oder gar ein Gefängnis?

                     

Wir leben in einer Zeit des Übergangs. Neue Technologien schaffen so komplex neue Möglichkeiten und so viel Spaß gleichzeitig… die jungen Menschen und ich hörten im Zug gemeinsam live „tream“, zu dessen Konzert sie unterwegs waren. Sogar der Schaffner schmunzelte…
Die jungen Menschen machte neugierig, dass ich loszog und nicht nicht wusste, wo ich übernachtete:

voila: mein Schlafplatz

Wir sprachen über das Nichtwissen und in mir reifte die Idee eines Abends für Austausch und Begegnung mit dem Thema: Glauben heute – Ist Gott tot? Sind wir „Übermenschen“ (Nietzsche)? Welche neuen „Religionen“ locken? (Erfolg, Gesundheit, Geld, Wissenschaft, Aktivismus, etc.) Wie frei sind meine Gedanken? In welchen Kategorien denke ich? Welche Rolle spielen Wissenschaften? Welche Möglichkeiten bieten neue Technologien? Lasse ich andere gelten? Kann ich zugeben, dass ich nichts weiß und vieles vermute?

Das war eine Begegnung im Zug! Danke, Jungs & Mädels! Die nächste Begegnung hatte ich im Wald mit mir selbst, als ich feststellte, dass ich meine Unterlage vergessen hatte. Wie steht es mit der „Fehlertoleranz“ mir selbst gegenüber?!
Doch der Vollmond schien, Magie war um mich und für alles gab es Lösungen… Und als morgens nach dem Regen ein besonderer Taxifahrer mich umsonst & philosophisch(!) auf der Heimfahrt von seiner Nachtschicht bis zum Bahnhof an den ersten Zug brachte, da öffnete sich ein bisschen der Himmel und ich konnte live erleben, dass deutsche Zugbegleiterinnen genauso „cool“ sein können wie damals sibirische!

                 

Ich glaube, Fehlertoleranz – sich selbst und anderen gegenüber – ist etwas ganz wichtiges für mich. Das lerne ich gerade neu… Kaum war ich zurück aus Sibirien und noch nicht richtig wieder angekommen hier, musste ich mich mit Corona und Krieg auseinandersetzen. Nun entlarve ich gerade einige Überzeugungen in mir, die meiner Fehlertoleranz entgegenstehen…
In Sibirien überlebte ich, weil ich wusste, ich kann eh nicht alles „richtig“ machen, ich kenne das System viel zu wenig. Kennen wir heutigen Menschen wirklich gerade das Gesamtsystem?
Aktuell gibt es – wie oben schon beschrieben – ganz schön viel neuen Glauben… vielleicht machen wir als Menschheit gerade tatsächlich riesige Fehler – und Fehler sind Bausteine der Evolution! Ohne diese „winzigen“ Fehler (seit Milliarden Jahren) gäbe es uns Menschen und auch menschlichen Geist gar nicht…
Diese (für mich alt.neue) Idee hilft mir, macht mich gelassener mir selbst und anderen Menschen gegenüber – und ich finde durchaus, dass da ein paar Zeitgenossen grad „Fehler“ machen … ?!
Neuerdings versuche ich nun nicht mehr, oberlehrerhaft zu korrigieren, sondern ich versuche in Kontakt zu kommen, zuzuhören – und plötzlich „verschwimmen“ die Fehler, es entstehen Begegnungen, es entsteht Leben!