Heute ist „Jahrestag plus eins“. Gestern vor einem Jahr, am 17.12.2018, betrat ich das erste Mal russischen Boden. Heute Nacht hatte ich den Impuls, das letzte Kapitel meines ersten Buchs (Tödliche Freiheit, 2001 erschienen im Selbstverlag) zu lesen – zum ersten Mal nach ungefähr zehn Jahren.
Und voila, das ist nun ziemlich genau 30 Jahre her und ich kann mich sowohl „damals“ als auch „heute“ spüren, eine Art inneres Erkennen. Was sind 30 Jahre, was ist Zeit?
Damals entstand der Begriff „spirit-trekking“, damals hatte ich schon dieselben Bilder vom Wandern – nur noch ohne Russland. Damals hatte ich wirklich gar kein Ziel, im Vergleich dazu war mein Aufbruch nach Russland richtig zielgerichtet – obwohl es sich in mir eher gegenteilig angefühlt hatte.
Ich konnte gestern meinen Jahrestag nicht feiern, am Tag zuvor hatte mich Josef auf dem Weg nach Köln bist zum ersten Parkplatz auf der A44 mitgenommen und ich war mit Sam gemeinsam über die Felder und durch die Wälder zu Fuß zurückgewandert. Dieses Wanderglück steckte mir gestern massiv übersäuert in den Knochen und senkte die Laune auf den Nullpunkt.
Um so überraschender heute diese „neue Wachheit„, die mich… und gerade erreicht mich die Nachricht, dass der Artikel über meine Erfahrungen in Russland einer deutschsprachigen Zeitung in Russland (Moskauer Deutsche Zeitung, MDZ) fertig ist – auf jede Senke folgt ein Hügel … und umgekehrt!
Aus der Sicht eines „spirit-trekkers“ zu schreiben, bedeutet: NICHT ZU WISSEN, eher zu fragen… vielleicht eine Art bewusstes „nicht-wissen“… und so vielleicht ein Gefäß für den Geist zu werden?
spirit-trekking bedeutet für mich, mich auf meinen eigenen Weg zu machen und hierüber zu berichten. Eine gute Frage ist besser als 1000 Antworten, hab ich mal gelesen, aber das ist auch schon wieder eine Bewertung. Ich denke und fühle, gute Fragen haben dieselbe Berechtigung wie schlaue Antworten, aktuell bin ich auf der Seite der Fragenden!

Ein Leben jenseits von richtig und falsch ohne Bewertungen zu führen ist genau das Abenteuer, das ich gerade suche. „Geh zu den Menschen“, sagte die Angara und so werde ich mich in absehbarer Zeit wieder auf meinen Weg zu Fuß machen. Diesmal nicht zwingend nach Russland, sondern auch hier im „Schengen-Raum“ und besonders in Deutschland. „Vergiss Deine deutschen Wurzeln nicht“, auch das hat mir die Angara ans Herz gelegt. Meine Wohnung wird gerade neu vermietet, dafür bin ich dankbar. Ich bin ein Wanderer zwischen den Welten und als solcher brauche ich aktuell keinen festen Wohnsitz, empfinde zu viel Komfort als hinderlich und gebe mich dem „Zufall am Wegesrand“ hin.
Ich sehe mich als Geschichtenerzähler – wie ganz viel früher, in dieser Zeit war ich als Straßenkünstler unterwegs. Aktuell gefällt mir die Idee immer mehr „nicht zu wissen“, viele Fragen zu stellen und ein bisschen von diesem Prozess zu erzählen.

Politisch betrachtet macht spirit-trekking vielleicht sogar „Sinn“: es hat einen minimalen ökologischen Fußabdruck und Komfortverzicht ist ja aktuell irgendwie in. Oft werde ich unterwegs so gesehen, einige Menschen finden es vielleicht sympathisch, wie ich unterwegs bin?

  • sprit-trekking schafft wohnraum und nutzt „Leerstand“. In meiner Wohnung in Augsburg wohnt jemand anderes und ich nutze „Gelegenheiten“, sei es ein Gästezimmer, eine Hütte im Wald oder ein Platz auf einer Wiese.
  • Geschichten werden live und authentisch erzählt, Austausch und Begegnung zwischen ganz unterschiedlichen Menschen kann zu überraschenden Erkenntnissen führen (Inspiration vor Ort für alle Beteiligten)
  • kennt kein richtig oder falsch, besteht im Versuch, bewertungsfrei zu leben (im Bewusstsein, dass das Gegenteil einer großen Wahrheit gleichzeitig eine nicht minder große Wahrheit ist). Das einzig Stetige ist der Wandel…
  • es geht mir nicht um Rekorde, „connected footprints“ oder ganz besonders weit und lange zu wandern. Ich spüre und nutze Gelegenheiten: wenn ich einladen werde, sage ich fast immer ja, lasse mich fast immer mitnehmen und versuche, meinem Bauchgefühl zu folgen. So oft wie nur möglich. Und manchmal sind 5 km am Tag „schwerer“ und weiter als 35 km…
  • Wir menschliche Wesen sind im Laufe unserer Evolution zum Heute ziemlich viel zu Fuß unterwegs gewesen.
    Vielleicht steckt es mir in den Genen?

Vorbereitungen sind gut, aber ab einem gewissen Punkt bemerkte ich, dass eine perfekte Vorbereitung auch Angst vor dem Losgehen ausdrücken kann.
Ich bin froh, dass ich den ersten Schritt gemacht habe, alles weitere ergab sich aus dem unterwegs-sein.

  • ich lernte: es geht nicht um 70km in 24 h
  • ich besuchte einen outdoorkurs: das war eher ein Feriencamp für Informatiker, nicht echt, aber ich lernte, mich einem Idioten unterzuordnen:-)
    So bemerkte ich, ich bin vielleicht unterwegs zu einem größeren Ziel?
  • Material – Gefahr der Überausrüstung. z.B. Sägeseil (20g) habe ich nie gebraucht, ich mag den Mix aus kalkulierter Unsicherheit und überlebenswichtigen Sachen. Wenn was fehlt, entsteht oft Kontakt…
  • Mein Ziel ist nicht irgendwo anzukommen, sondern vielmehr eine Verwandlung im Innen.
    Daraus kann in der Folge auch eine Veränderung im Außen entstehen?
  • Angst ist meine beste Freundin. Mut ist vielleicht Angst, die gebetet hat (ist nicht von mir, gefällt mir einfach).
    Ich habe gute Erfahrungen mit einer gesunden Selbstüberschätzung plus gutes Risikomanagement gemacht…
  • probieren geht über studieren … und: anders heißt nicht besser?

Das lange Wandern führt mich aus meiner gewohnten Betrachtung raus und ich finde neue Wege. spirittrekking bedeutet für mich – jeden Tag neu – wieder zum Kind zu werden (den „reset-Knopf“ in meinem Gedankengewitter zu finden). „Werdet wie die Kinder, denn ihnen gehört das Himmelreich“, meine Heimat in mir zu fühlen, ein Mal am Tag zu wissen, wo ich herkomme, wer ich wirklich bin, was ich mitbringen und was meine Aufgabe in diesem Leben ist… echte Wahl haben (jenseits von Reiz-Reaktion). Ich er-wandere mir diese Rückverbindung und versuche, einmal am Tag die Welt als Kind zu erleben…

Das geht vielleicht alles auch in der Kirche, auf einem Seminar, beim Spülen, Liebemachen oder Arbeiten? Oder beim Müll-raus-tragen? Ich beschreibe hier MEIN spirittrekking, jenseits von richtig und falsch…
Es geht in meinen Augen nicht um Abenteuer und Heldentum, und ich mag es auch nicht besonders, so gesehen zu werden. Ich mache das vielleicht, weil ich nicht anders kann, weil ich es will, weil ich mich verändern, verwandeln will, weil es mein Weg ist … jeden Tag neu?

Nun kommt ein Werbeblock:
Spirittrekking könnte vielleicht auch heißen, einen Freund oder eine Freundin mal zu Fuss besuchen, statt Rad oder ÖPNV zu benutzen, um Zeit zu sparen. Und am nächsten Tag zurücklaufen… und plötzlich ist der Weg das Ziel?
Ende des Werbeblocks.

Ich mag, was ich tue und fühle mich gerufen, auch davon zu berichten.
Bestensfalls springt ein kleiner Funke über, entsteht ein kleiner Impuls,
Dich selbst auf Deinen EIGENEN Weg zu machen und Dich vielleicht ein klein wenig von meinem Erfahrungen inspirieren zu lassen. Und natürlich freuen mich Kommentare und Anmerkungen, die ich gerne beantworten werde!

Dort, auf einem alten Hof direkt am Bach südlich von Bremen, konnte ich einfach sein. Zwei Monate verbrachte ich dort überwiegend lesend und im Bett. Kurioserweise störte das dort niemand! Ich fing an, die Krise zu genießen und meine Erschöpfung zuzulassen, mich nicht mehr zu quälen,

Dann entdeckte ich wieder, dass es eine Öffnung in mir gibt, die mich mit allem verbindet, die die Grenzen von richtig und falsch aufhebt, dass die Grenzen zwischen den Kulturen, ja zwischen den Dimensionen fließend sein können.

Ich war ja schon immer der geborene Grenzüberschreiter
Grenzen sind vielleicht der Liebespartner der Freiheit

Wenn ich wandere, lange wandere, dann überschreite ich die Grenzen der Zeit.
Ich hatte (nach 22 km) immer wieder „Öffnungen“, ich konnte mit anderen Menschen sprechen, wie wenn sie mir gegenüber wären und ihre Antworten kamen nicht aus mir, sondern daher, wie ich auch mit meinem Vater sprechen kann, ich konnte mich in die Vergangenheit beamen und hatte Kontakt zu meinen Vorfahren 2000, 10000, 20000, 40000 oder 400000 Jahre zurück.
Die Ansichten der damaligen Zeiten sind heute in keinster Weise politisch korrekt, daher das Gegenteil einer großen Wahrheit ist eine nicht minder große Wahrheit, immer den Faktor Zeit und Raum miteinbezogen.

Die Vorstellung von 1000 Jahren war mir früher nicht zugänglich. Vielleicht ging alles so schnell, dass ich meine Seele nicht so „weiten“ oder entspannen konnte, um 1000 Jahre zu spüren.
1000 Jahre könnten 40 Mal „stille Post“ sein, über 40 Generationen weiter gegebene Informationen…

Ich beobachte mitunter, dass ich auf langweiligen Wegen bleibe, obwohl es querbeet viel spannender wäre. Genauso kommt es vor, dass ich lange in Schuhen über herrliche Wiesen laufe … und obwohl meine Füße nach Freiheit schreien, nehme ich es viel später war.
Könnte das etwas mit Gewohnheit zu tun haben? Aus Gewohnheit trage ich Schuhe und benutze Wege? Nun, nichts gegen Schuhe und Wege, fraglos beides tolle und nützliche Sachen, aber sie können auch ablenken … vom Wesentlichen?
Vielleicht habe ich in Schuhen und auf Wegen auch häufiger eine „gewohnte“ Wahrnehmung, die Öffnung für den Geist unterbindet. Ich denke dann ungefähr das, was ich gewohnt bin zu denken, fühle das, was ich gewohnt bin zu fühlen … und der Geist umwebt mich sanft, versucht mich zu erreichen und ich merke nichts davon?
Mit 22 oder 23 Jahren bin ich aus diesem Grund mal ein ganzes Jahr barfuss gelaufen – und habe damit vielleicht nur eine neue Gewohnheit geschaffen und der Geist erreichte mich kein bisschen leichter?

Gewohnheit gibt Halt und Orientierung in einer ziemlich unübersichtlichen Welt – und gleichermaßen führt sie vom Erleben des Moments weg. Ich betrachte Gewohnheiten als großes Glück, egal aus was die Gewohnheiten bestehen. Auch schlechte Gewohnheiten geben Halt und Orientierung.
Und ich betrachte das „immer-wieder-Ausssteigen“ aus Gewohnheiten ebenfalls als großes Glück.
Vielleicht geht es um die 
richtige Mischung aus Gewohnheit und Moment – und vielleicht kann auch Momentbezogenheit zur Gewohnheit werden?

Zwischen dem reinen Moment und Gewohnheit gibt es vielleicht Präsenz –  Präsenz im Sinne von authentisch wahrnehmen und sein was ist, Präsenz im Sinne von: ich bin mit den Dingen, bin mir meiner Gewohnheiten bewusst, und gleichermaßen „kriegen“ mich diese Gewohnheiten nicht? Gewohnheiten wie Verkehrszeichen für einen „moralischen Pragmatiker“?

Dadurch dass ich aktuell meine Heimat „in mir“ trage und mich im Außen ständig komplett neuen Reizen aussetze, kann ich dem Paradoxon Gewohnheit neu begegnen und ich kann die Gewohnheiten meiner unterschiedlichen Gastgeber besser aushalten, muss nicht rebellieren, sondern kann verstehen, dass andere Menschen andere „Sicherheits- und Orientierungskonzepte“ wählen…
Der Verzicht auf vieles an „administrativen“ Gewohnheiten und „immer noch gewohntem“ Komfort unterstützt mich vielleicht, die neu von meinem Vater geschenkte zusätzliche Wachheit nicht wieder zu verlieren, nicht wieder „einzuschlafen“? „Werdet wie die Kinder, denn ihnen gehört das Himmelreich“, ein Bibelzitat, zielt vielleicht auch darauf ab, dass Kinder noch nicht allzusehr in ihren Gewohnheiten verhaftet sind.
Vielleicht entwickeln Menschen mit zunehmendem Alter immer mehr Gewohnheiten, bis sie sich vor lauter Sicherheit und Orientierung (ich hätte beinahe Dividende geschrieben:-)) ein Gefängnis aus ihren eigenen Gewohneheiten gebaut haben?
Komfort auf Dauer, Sicherheit und vollkommene Orientierung – kostet vielleicht „spirit“, Geist, die Verbindung zum großen Geheimnis, magnamama?

Das Geschenk meines Vaters, diese zusätzliche Wachheit, ließ mich vielleicht mein eigenes Gewohnheits-Gefängnis ein kleines bisschen mehr wahrnehmen und der Komfortverzicht hilft mir vielleicht, er nicht so bald wieder zu verlieren?

Mein letzter (längerer) Job in der Augsburger Obdachlosenhilfe hat (dank manch besonderer „Klienten“) meinen Horizont erweitert … ich war nicht so eng ins sozialpädagogische Team eingebunden, bekam immer die „besonderen“ Fälle und hatte einen etwas belächelten Status als eine Art „sozialpädagogischer Heilpraktiker“ … ich habe die Menschen, die zu mir kamen, nicht nach Einbindung ins soziale System gefragt, sondern ich habe sie gefragt, „was ist Ihr Wunsch, was kann ich für Sie tun?“
Es waren so drei oder vier, die haben mir ihr Herz geschenkt und haben mich authentisch an ihrem Lebensweg teilhaben lassen. Dadurch bin ich einer neuen Welt begegnet, einem unbekannten Graubereich – auch nach meinem Arbeitsverhältnis bin ich diesen Menschen noch begegnet und habe mir genauso viel Zeit für sie genommen als in meiner bezahlten Angestellten-Zeit…
Wir haben vielleicht gegenseitig voneinander gelernt… dieser Job im SKM war wie eine „Absprungvorbereitung“ aus Komfort- und Sicherheits-Gewohneheiten?

Ich hatte früher auch ein „Schubladensystem meiner Gewohnheiten“ (auch anders-sein kann zur Gewohnheit werden und entsprechend kultiviert werden) – aber dieses Schubladensystem wurde in Russland gesprengt und als ich zurück nach Deutschland kam, konnte ich nicht einmal gut erhaltene Einzelteile für was neues verwenden … es passt grundlegend nicht mehr, ich brauche neues Holz, um etwas neues zu bauen?

Mit dem Wandern und dem Russisch-Lernen entwickele ich aktuell neue Gewohnheiten – und hoffe mir dessen bewusst zu sein… –> LINK spirit-trekking inkl. Lust auf einen gewissen Komfort und den Mut, „zu den Menschen“ zu gehen und mich nicht mehr „nur“ im Wald zu verkriechen.
Vielleicht werde ich das nächste Mal ohne Zelt und Schlafsack, nur mit Notbiwak losziehen, um eine neue Gewohnheiten zu entwickeln… Und vielleicht gibt es noch viel mehr neue Gewohnheiten, die schon auf mich warten, und von denen ich noch gar nichts weiß?
Ich war im Herbst 2019 bereit, „teure“ Fehler zu machen, weil ich immer noch mit dem „alten“ Kopf durch „alte“ Wände wollte… ich hielt alte Gewohnheiten für eine Lösungsmöglichkeit in einer völlig neuen Situation – und als ich mir dessen bewusst wurde, fand ich plötzlich neue Türen, wo vorher Mauern zu sein schienen?