Wie war ich unterwegs?
Vorbereitungen sind gut, aber ab einem gewissen Punkt bemerkte ich, dass eine perfekte Vorbereitung auch Angst vor dem Losgehen ausdrücken kann.
Zu viel Komfort, zu viel Sicherheit unterwegs killt vielleicht den „spirit“?
Ich bin froh, dass ich den ersten Schritt gemacht habe, alles weitere ergab sich aus dem unterwegs-sein vor Ort.

  • ich lernte: es geht nicht um 70km in 24 h
  • ich besuchte einen outdoorkurs: das war eher ein Feriencamp für Informatiker, nicht echt; aber ich lernte, mich einem Idioten unterzuordnen:-)
  • Material – Gefahr der Überausrüstung. z.B. Sägeseil (20g) habe ich nie gebraucht, ich mag den Mix aus kalkulierter Unsicherheit und überlebenswichtigen Sachen. Wenn was fehlt, entsteht oft Kontakt…
    Und ich lernte, wenn sich eine Tür schließt – öffnet sich eine andere…
  • Mein Ziel war nicht irgendwo anzukommen, sondern vielmehr das Folgen eines inneren Rufs.
    Angst ist meine beste Freundin. Mut ist vielleicht Angst, die gebetet hat?
    Ich habe gute Erfahrungen mit einer gesunden Selbstüberschätzung plus sorgfältiges Risikomanagement gemacht…

Das lange Wandern führt mich aus meiner gewohnten Betrachtung raus und ich finde neue Wege – auch in mir selbst! „Werdet wie die Kinder, denn ihnen gehört das Himmelreich“, meine Heimat in mir zu fühlen, ein Mal am Tag zu wissen, wo ich herkomme, wer ich wirklich bin, was ich mitbringen und was meine Aufgabe in diesem Leben ist… echte Wahl haben (jenseits von Reiz-Reaktion). Ich er-wandere mir diese Rückverbindung und versuche, mindestens einmal am Tag die Welt als Kind zu erleben…

Das geht vielleicht alles auch in der Kirche, auf einem Seminar, beim Spülen, Liebemachen oder Arbeiten? Oder beim Müll-raus-tragen? Ich beschreibe hier MEIN spirittrekking, jenseits von richtig und falsch…
Die Grenze zwischen richtig und falsch – wo verläuft sie wirklich? Und vielleicht sind Grenzen der Liebespartner der Freiheit?

Wenn ich wandere, lange wandere, dann überschreite ich die Grenzen der Zeit.
Ich hatte (so nach 22 km) immer wieder „Öffnungen“, ich konnte mit anderen Menschen sprechen, wie wenn sie mir gegenüber wären und ihre Antworten kamen nicht aus mir, sondern daher, wie ich auch mit meinem Vater sprechen kann, ich konnte mich in die Vergangenheit beamen und hatte Kontakt zu meinen Vorfahren 2000, 10000, 20000, 40000 oder 400000 Jahre zurück.
Die Ansichten der damaligen Zeiten sind heute in keinster Weise politisch korrekt … vielleicht ist das Gegenteil einer großen Wahrheit eine nicht minder große Wahrheit … immer den Faktor Zeit und Raum miteinbezogen …

Die Vorstellung einer Zeitspanne von 1000 Jahren war mir früher nicht zugänglich. Vielleicht ging alles so schnell, dass ich meine Seele nicht so „weiten“ oder entspannen konnte, um 1000 Jahre zu spüren.
1000 Jahre könnten 40 Mal „stille Post“ sein, über 40 Generationen weiter gegebene Informationen…

Ich beobachte mitunter, dass ich auf langweiligen Wegen bleibe, obwohl es querbeet viel spannender wäre. Genauso kommt es vor, dass ich lange in Schuhen über herrliche Wiesen laufe … und obwohl meine Füße nach Freiheit schreien, nehme ich es viel später war.
Könnte das etwas mit Gewohnheit zu tun haben? Aus Gewohnheit trage ich Schuhe und benutze Wege? Nun, nichts gegen Schuhe und Wege, fraglos beides tolle und nützliche Sachen, aber sie können auch ablenken … vom Wesentlichen?
Vielleicht habe ich in Schuhen und auf Wegen auch häufiger eine „gewohnte“ Wahrnehmung, die Öffnung für den Geist unterbindet. Ich denke dann ungefähr das, was ich gewohnt bin zu denken, fühle das, was ich gewohnt bin zu fühlen … und der Geist umwebt mich sanft, versucht mich zu erreichen und ich merke nichts davon?

Gewohnheit gibt Halt und Orientierung in einer ziemlich unübersichtlichen Welt – und gleichermaßen führt sie vom Erleben des Moments weg. Ich betrachte Gewohnheiten als großes Glück, egal aus was die Gewohnheiten bestehen. Auch schlechte Gewohnheiten geben Halt und Orientierung.
Und ich betrachte das „immer-wieder-Ausssteigen“ aus Gewohnheiten ebenfalls als großes Glück.
Vielleicht geht es um die 
richtige Mischung aus Gewohnheit und Moment – und vielleicht kann auch Momentbezogenheit zur Gewohnheit werden?

Dadurch dass ich aktuell meine Heimat „in mir“ trage und mich im Außen ständig komplett neuen Reizen aussetze, kann ich dem Paradoxon Gewohnheit neu begegnen und ich kann die Gewohnheiten meiner unterschiedlichen Gastgeber besser aushalten, muss nicht rebellieren, sondern kann verstehen, dass andere Menschen andere „Sicherheits- und Orientierungskonzepte“ wählen…

Das Wandern ließ mich vielleicht mein eigenes Gewohnheits-Gefängnis ein kleines bisschen mehr wahrnehmen?
Mein letzter (längerer) Job in der Augsburger Obdachlosenhilfe SKM hat (dank manch besonderer „Klienten“) meinen Horizont erweitert … ich war nicht so eng ins sozialpädagogische Team eingebunden, bekam immer die „besonderen“ Fälle und hatte einen etwas belächelten Status als eine Art „sozialpädagogischer Heilpraktiker“ … ich habe die Menschen, die zu mir kamen, nicht nach Einbindung ins soziale System gefragt, sondern ich habe sie gefragt, „was ist Ihr Wunsch, was kann ich für Sie tun?“
Es waren so drei oder vier, die haben mir ihr Herz geschenkt und haben mich authentisch an ihrem Lebensweg teilhaben lassen. Dadurch bin ich einer neuen Welt begegnet, einem unbekannten Graubereich – auch nach meinem Arbeitsverhältnis bin ich diesen Menschen noch begegnet und habe mir genauso viel Zeit für sie genommen als in meiner bezahlten Angestellten-Zeit…
Wir haben vielleicht gegenseitig voneinander gelernt… dieser Job im SKM war wie eine „Absprungvorbereitung“ aus Komfort- und Sicherheits-Gewohnheiten?

Ich hatte früher auch ein „Schubladensystem meiner Gewohnheiten“ (auch anders-sein kann zur Gewohnheit werden und entsprechend kultiviert werden) – aber dieses Schubladensystem wurde in Russland gesprengt und als ich zurück nach Deutschland kam, konnte ich nicht einmal gut erhaltene Einzelteile für was neues verwenden … es passt grundlegend nicht mehr, ich brauche neues Holz, um etwas neues zu bauen? Und warum eigentlich aus Holz???

Mit dem Wandern und dem Russisch-Lernen entwickele ich aktuell neue Gewohnheiten – und hoffe mir dessen bewusst zu bleiben … inkl. der neuen Lust auf einen gewissen Komfort und den Mut, „zu den Menschen“ zu gehen und mich nicht mehr „nur“ im Wald zu verkriechen.
Ich war im Herbst 2019 bereit, „teure“ Fehler zu machen, weil ich immer noch mit dem „alten“ Kopf durch „alte“ Wände wollte… ich hielt alte Gewohnheiten für eine Lösungsmöglichkeit in einer völlig neuen Situation – und als ich mir dessen bewusst wurde, fand ich plötzlich neue Türen, wo vorher Mauern zu sein schienen?

Wie war ich konkret unterwegs in diesem mir anfangs vollkommen fremden Russland?
Ich stellte mich dem bewussten Nicht-Wissen. Ich überquerte die Grenze und als ich sicher war, dass ich aus dem „betreten-verboten“-Grenzland heraus war, bog ich in den Wald ab. Der russische Wald sprach genau dieselbe Sprache wie einige Kilometer zuvor der lettische Wald oder der litauische. Da schien die Grenze nicht spürbar.
Das erleichterte mich und ich verbrachte meine erste Nacht auf russischem Boden im Wald. Es war wie in Lettland – alles gut. Der erste wirklich interessante Moment kam, als ich ein Stück Straße lief und ein Auto anhielt. Ich verstand kein Wort, aber die Gesten waren eindeutig – ich war eingeladen mitzufahren und musste mich nun entscheiden: Angst oder Kontakt mit den „bösen“ Russen?

Mein Bauch fühlte ja und ich stieg ein. Eine Stunde später schämte ich mich meiner Angst. Mir wurde die Stadt gezeigt, der Fahrer war unglaublich herzlich und ich blieb noch drei Tage in dieser ersten Kleinstadt im Hotel, um mich einzugewöhnen. Es war wie „nach Hause kommen“, die Menschen waren selbstbewusst, keiner grüßte – aber sprach ich jemand freundlich an, bekam ich mehr Hilfe, als ich zu träumen gewagt hätte.

Ich wurde immer mutiger, und kaufte – ohne ein Wort Englisch – letztendlich mit Händen und Füßen eine russische SIM-card mit mobilen Daten. Ich hatte das Gefühl, ich bewege mich in konzentrischen Kreisen – immer weiter, langsam und vorsichtig. Was am Vortag funktionierte (z.B. das leckere Lokal mit WLAN, wo mich der Fahrer, der mich aufgelesen hatte, abgesetzt hatte), das besuchte ich jeden Tag und von dort aus besuchte ich am ersten Tag den Markt, am zweiten einen Klamottenladen, usw.
So machte ich das auch in Sibirien. Immer wieder fragte ich mein „Bauchradar“: darf ich das? Ich achtete auf Tierspuren und mein Innengefühl zugleich. An manchen Tagen konnte ich mir vorstellen, einem Bär so ruhig entgegenzugehen, wie Anastasia das tun würde, angstfrei – an anderen Tagen erschreckte mich jedes ungewohnte Geräusch massiv und ich suchte bewusst mir schon bekannte Orte auf, um mich nicht mehr zu viel Neuem auf einmal zu überfordern…

p.s. Kennst Du eine verwunderliche Eigenschaft der Frösche?
Wirft man einen Frosch in einen Topf mit heißem Wasser, so versucht er sofort, sich zu retten. Wirft man das Tier allerdings in lauwarmes Wasser und erhitzt dieses dann langsam, so rührt sich der Frosch nicht und stirbt.
Frage: ergeht es uns Menschen vielleicht gerade ähnlich? Das zu heiße Wasser könnte für zu viel Komfort und Sicherheitsbestreben stehen?


MEINE PACKLISTE:

Ich hatte an, bzw. trug um den Körper:

Schuhe und Socken, Unterhose, Turnhose, Wanderhose, ärmelloses-T-Shirt, Wander-T-Shirt, dünner Fleece, dicker Fleece, gelbe Wanderjacke (ungefüttert, wasserdicht).

Kleiner Beutel in der Gürteltasche:

Rasierer, Kuli, Nagelschere und Feile, Pinzette, USB-Stick, schwarzer Stift (wasserfest), Feuerblasrohr, Nagelknipser, Ohrstöpsel, Zahnputzzeug, Zahnseide, Rasierer, Seife, Sicherheitsnadeln, kleiner Bleistift, Radiergummi,
2 Kopfschmerztabletten, Pflaster

Gürteltasche vorne:

Wäscheklammer, Kopfhörer, Löffel, Taschenlampe, Messer groß & klein, Feuerzeug, Kompass, Geschenkstein

Gürteltasche innen:

Schoki, Karteikarten, Heft und Stift, grüner Beutel = Karten, Adressen, Brille;
Plastiktüten, Tempos, Geldbeutel, Smartphone, Ladegerät, Kopfhörer, Pass

Ca. 20 l Rucksack blau innen
Schlafsack, Matte, Biwak, Müllsack, Solarladeplatte, Zelt, Schleuder, Sägeseil, Handtuch, Badehose, 2 Mal lange Winter-Unterhosen und schwarze Winter-T-Shirts, 2x Socken, Handschuhe, Mütze, Sonnenkappe

Rucksack außen: Poncho (wasserdicht – diente mir nachts als schützende Unterlage unter Zelt und Isomatte), Wasserflasche

insgesamt ca. 5 kg Gewicht insgesamt zu tragen (ohne Wasser und Verpflegung)

Da ich wirklich nur das Nötigste dabei hatte, musste ich mich tagsüber immer bewegen. Ich aß, navigierte, sang, las, lernte, usw. während des Laufens.
Ich lief sehr langsam, vielleicht 2-3 km/h. Oder ich lag im Schlafsack im Zelt.
Ich hatte unterwegs eine 6+1 Strategie: 6 Tage im Wald und dann einen im Hotel. Dort habe ich alles gewaschen, was ich an Klamotten dabei hatte.