Dominik, weißt Du noch, wie wir in Concarneau am Strand saßen oder auf unserer roten Bank?
Ich stell mir oft vor, wie es wäre, wenn wir uns wieder treffen und Du mir bestimmt viele neugierige, kritische und herausfordernde Fragen stellst?

Du sprichst kursiv.

Hey, lass uns über menschliche Gemeinschaft … über Hierarchie, Solidarität und Macht sprechen.

Du weißt genau, dass ich von Gemeinschaft jedweder Art überhaupt nichts halte.
Solange der Mensch nicht einmal weiß, wer er selbst ist und höchstens 10 % seiner Hirnleistung nutzt – solange funktioniert Gemeinschaft schlicht und ergreifend via Feldmarschall und Soldat.
Wie im Krieg, manchmal halt grün angemalter „gewaltfreier“ oder „hierarchiefreier Krieg … aber es bleibt Angriff und Verteidigung!

Ok, langsam, Kommunikation … grundlegend bedeutet das für mich den Austausch von Informationen zwischen zwei Systemen und …

Ja-a, Schatz, ich weiß, dass du studiert hast und ich nicht…

Du willst mir in diesem Moment ein Beispiel für manipulative Kommunikation geben, die neben der Sachebene via Subtext Botschaften sendet?

Schau, schon Deine scheiß geschwurbelte Art dich „richtig“ auszudrücken empfinde ich als Angriff. Du verwendest Worte, die ich nicht verwende und damit stellst Du Dich über mich.
Das soll kein Vorwurf sein, das mache ich jedes Mal, wenn ich den Mund aufmache – aber ich habe auch nicht so eine scheiß gute Sicht auf zwischenmenschliche Belange.
Ich fresse oder werde gefressen, das ist alles.

Und was machen wir beide gerade?

Wir machen uns gegenseitig Appetit (lacht)

Weil wir Freunde sind, so eine Art neutrale Zone?

Scheiße, nein, im Gegenteil, wir haben Spaß daran, uns anzugreifen, wir sind nützlich füreinander, ich bin einsam und ich weiß das, also genieße ich den Moment, in dem ich mir mit Dir vorgaukeln kann, ich wäre nicht allein und Du benutzt mich, weil Du Spaß am Hirn eines durchgeknallten ehemaligen Weinverkäufers hast

Es erweitert meinen Horizont, wenn wir reden … es interessiert mich, wie Du die Welt siehst …

Genau, du sagst es: du lernst dazu, um mehr Macht auszuüben.
Du bist als Körpertyp sowas von einem „manipulativer Psychopath“.

Nein …
hmh, vielleicht, aber durch Dich kann ich mich selbst besser sehen, mich selbst besser verstehen, Du bist wie eine Art Spiegel für mich

Und warum tust Du das? Damit Du durch den Zugewinn an Wissen ein besseres Weibchen abgreifen kannst, ein schöneres Haus besitzt oder von mehr Menschen bewundert wirst?
Oder halt, Du kannst Dich vielleicht selbst nicht ausstehen und indem Du Dich von mir herausfordern und beschimpfen lässt, kannst Du Deinen Selbsthass kurzzeitig vergessen?

Du unterstellst mir rein egoistische Ziele?

Ich weiß, dass jeder sich selbst der nächste ist. Um es mit Dostojewski zu sagen, es geht schlicht „um die moralische Krise des modernen Menschen, der in einer Welt der verlorenen Wahrheiten lebt und zwanghaft nach einem Weg aus dem religiösen, gesellschaftlichen und ethischen Bankrott sucht“.
Wir sind verloren in einer Welt, die wir nicht verstehen und versuchen alles, so zu tun, als wäre es anders.

Hey, können wir bitte das „zwanghaft“ streichen und dann haben wir eine gemeinsame Ausgangsbasis?

Du schaffst es nicht einmal, ein Zitat eines Menschen, der weitaus klüger ist als du, unverändert stehen zu lassen.

Touché.

Dann schwiegen wir eine Weile und mir war, als würden wir uns so besser als mit Worten verstehen. Ich dachte ein bisschen nach…
Sprache verschafft dem Menschen die Überlegenheit über die Tiere. Der Mensch ist kein besonders starkes Tier, aber durch Sprache kann sich eine Gruppe von Menschen verständigen, (Jagd-) Ideen gemeinsam ausbrüten und umsetzen.
Menschen können durch Sprache Vereinbarungen für die Zukunft treffen … und Geschichten erzählen. Oft erzählte Geschichten bringen Glauben hervor und der versetzt bekanntlich Berge…
Tiere, Pflanzen, Steine, Planeten, Sonnensysteme und die noch größeren Organismen, von denen die Menschheit noch gar nichts weiß … die müssen eine eigene Sprache haben, eine ohne Worte? Eine, die wir Menschen (noch) nicht verstehen?

Hmh, Dominik, grad haben wir lange geschwiegen, und ich hatte dabei das Gefühl, in diesem zugewandten Schweigen lässt Du mich näher an dich heran als vorher, als wir miteinander sprachen. Wie hast du das empfunden?

Das mag sein, aber spätestens jetzt, wo du es aussprichst, beschmutzt du es…
warum musst Du jeden Zauber zwischen uns Dir verbal bestätigen lassen? Traust Du dir selbst nicht und brauchst im Nachhinein meine Erlaubnis?

2:0 für Dich. Aber wie stellst Du Dir zwischenmenschliche Gemeinschaft ohne Worte vor?

Vielleicht fängt sie erst jenseits der Worte an. Kennst Du die Geschichte von der Stammeszusammenkunft der Indianerhäuptlinge?

Die Frau des Oberhäuptlings fragte verwundert, warum Ihr Mann so früh von der Versammlung wieder daheim war. Er meinte, dass sie wie immer mit demjenigen Anliegen beginnen wollten, das am Wichtigsten war. Wer etwas vorzubringen habe, solle sprechen. Und nach 45 min Stille beschlossen sie auseinanderzugehen, da alles in Ordnung ist.
Kurz: ich glaube nicht an Worte, ich weiß, Du willst immer Bücher schreiben, aber schreib doch mal eins ohne Worte, mein kleiner Zen-Prinz!

Ganz ohne Worte …?!

In mir stiegen Bilder von dezentralen subsidiären (wo kommen solche Worte eigentlich her, warum so kompliziert, um andere zu beeindrucken, würde Dominik vielleicht sagen) vom einfachen Leben im Garten Eden hoch…
Doch wofür stand der Baum der Erkenntnis? Gut und Böse als Bild für Dich und mich? Der Anbeginn der Trennung, die Entdeckung des ICHs, hinauskatapultiert aus dem WIR?
In Marlow Morgans „Traumfänger“ konnten die „echten“ Menschen sowohl von nah als auch von fern über weite Distanzen hinweg „im Kopf“ miteinander kommunizieren. War das anstrebenswert, dass mir mein Gegenüber in den Kopf gucken kann? Irgendwo las ich mal, dass die „Lüge“ eine wichtige kulturelle Entwicklung darstellt, aber werden uns nicht auch Atomwaffen als wichtige kulturelle Entwicklung verkauft?
Entwickeln wir uns überhaupt im Moment als Menschheit oder erleben wir grad eine evolutionäre „Delle“, haben uns viel zu stark ausgebreitet oder ist diese Ausbreitung gerade der Beweis evolutionärer Stärke?

Vielleicht gibt es ja doch so etwas wie Freundschaft, aber wenn, dann ohne Worte, darum liebe ich Pantomime. Worte sind wie Wolfszähne, sie verwunden, ob gewollt oder nicht.

Hmh, heute bin ich mit einem ganz realistischen Traum aufgewacht, eine menschliche weltweite Gesellschaftsform vielleicht in der Zukunft: uralte Traditionen in Verbindung mit Quantenphysik und -technologie. Erdverbundene Ökologie, bewusste Geburtenkontrolle, lakonische Erziehung (vgl. Sparta) … und in 100 Jahren ist die Welt ein ganzheitliches und solidarisches Paradies mit kämpferischem Spiel und traditionellem Tanz: eine subsidiare Welt nachhaltiger und vernetzter Regionen … 🙂

Und in Deinem Traum haben alle Chinesisch gesprochen?

Ein Schelm … der jetzt meinen persönlichen Traum einer weder rechten noch linken sondern „gleichzeitigen“ (sowohl als auch) Gesellschaft zerpflücken darf. Rechts steht für individuelle Freiheit, Akzeptanz von Ungleichheit und nationale Autorität (die Nationalisten); Links für kollektive Solidarität, soziale Gleichheit und internationale Gerechtigkeit (die Globalisten). Rechts dürfen oder sollen die Menschen was glauben, links nicht. Wer profitiert von dieser vormals nützlichen, aber aktuell längst überholten „Wahlmöglichkeit“?

Das Sandmännchen?

Freut mich, dass Du auch gute Laune hast. In meiner Betrachtung profitiert das eine Promill der Weltbevölkerung, das jedoch über etwa 50% der Ressourcen verfügt davon. Für den Rest lassen sie die Wahl zwischen „Pest und Cholera“ (Globalismus und Nationalismus … zwei unterschiedliche Formen von Totalitarismus) und verkaufen das als „Demokratie“…
Dabei geht es vielleicht um ein einfaches (gutes) Leben?
… ums Aufhören der goldenen Karotte des Konsums (auch Widerstand gehört da für mich dazu) hinterher zu rennen … und um die grundlegende Systemfrage: was folgt dem kapitalistischen System?

Dominik schwieg lange. Dann lächelte er mich an.
Und jetzt überlegst Du bestimmt noch eine Ewigkeit, wie Du das „pädagogisch“ (verzieht dabei das Gesicht) aufbereiten kannst.

Ja, das stimmt … ich sehe aktuell aber keine Möglichkeit, den Menschen von seinem selbst erschaffenen Thron zu stoßen…

Erzähl den Menschen ruhig, was Du erlebt hast. Aber am Ende des Tages wird Deine Geschichte für irgendeine Gruppe einen Mehrwert haben. Du wirst Anhänger haben, die werden Dir nachfolgen wollen. Kannst Du Dich diesem Genuss entziehen? Wohl kaum, mein kleiner narzisstischer Prinz!

Menschen können sich verändern.

Einen Scheiß können sie. Seit Jahrtausenden spielen wir hier Feudalismus mit menschlichen Göttern, super-reichen Händlern und einem schwankenden Anteil von Sklaven und gutem Willen. Nichts, aber auch gar nichts hat sich geändert und wird sich auch nicht ändern.

In Russland habe ich insbesondere in Sibirien viel „Wildwuchs“ erlebt. Dort ist natürlich auch verboten, einfach Land außerhalb der Wohngebiete zu kaufen und dort zu siedeln – aber das Land ist so groß, dass es die Menschen dort einfach machen. Diese entspannten Zonen des Wildwuchs fehlen mir hier in Deutschland sehr.
Menschen, die sich selbst mit dem grundlegend Notwenigen versorgen können, Nahrung aus dem Garten, Strom solar oder durch Wind, Holz aus dem Wald, Wasser aus dem Boden – OHNE dass der Staat da regulierend eingreift – das fehlt uns. Die so lebenden Menschen kämen vielleicht auf ganz neue Lösungen? Ich will nicht alles Bestehende verändern, ich wünsche mir lediglich Zonen dieses Wildwuchses…
Wie sieht der Alltag eines unabhängigen Menschen aus, der sich selbst versorgt und unabhängig ist. Der weiß, dass alles mit allem verbunden ist, der frei an der „Physik der Beziehungen“ (so nenne ich gern die Quantenphysik, die ebenso wie die Spiritualität weiß, dass alles mit allem verbunden ist…)
Vielleicht verbunden mit einem Permakultur-Ansatz – Bestehendes Schritt für Schritt umnutzen, und immer mit dieser besonderen Fähigkeit, aus Dreck Gold zu machen wie in allen Phasen der Menschheitsgeschichte, in der Pioniere auf Freiraum trafen.

Stopp – alles ist mit allem verbunden? Wir sind Individuen und Teile eines lebendigen Organismus – wie Zellen und Organe im Menschlichen Körper? 

„Geh in den Wald und sei einfach still, dann kann die Welt gar nicht anders als sich Dir zu offenbaren“, soll Krishnamurti mal gesagt haben.

Das ist so einfach, so wahr – und damit ist klar, dass die allermeisten Menschen niemals die Welt oder gar sich selbst erkennen, denn sie können nicht einfach still sein. Sie brauchen die ständige Ablenkung, um ihren Schmerz zu übertönen ….

Wenn ich in  Russland von meiner Gottesbegegnung erzählte, fragten mich die Menschen neugierig: und was hat ER zu Dir gesagt?
In Deutschland werde ich immer wieder gefragt: was hast Du genommen? Oder bekomme gesagt: geh mal zum Arzt!

Die Russen lieben gute Geschichten – da sind sie wie ich. Machs gut mein Lieber, erzähl mir weiter, wenn Du wieder dort warst!